1000 Zeichen - Rezensionen für Eilige

(Fast) in jedem Monat erscheint eine knackig-kurze Buchbesprechung von mir im

Stadtblatt Osnabrück. Gelegentlich sind es Übersetzungen von Kolleginnen und Kollegen, gern  aus dem Italienischen  oder Französischen, ansonsten alles, was mich neugierig gemacht hat. Voilà:

Margos Töchter

 

Cora Stephan

 

Zwischen Ost und West

 

 

 

Janas Adoptivmutter Leonore ist vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und Jana bezweifelt längst, dass es tatsächlich Suizid war. Darum beantragt sie nach dem Mauerfall Einsicht in Leonores Stasi-Akte. So erfährt sie von der schicksalhaften Verbindung ihrer Adoptivmutter und ihrer leiblichen Mutter Clara. In dem Blumenkind Leonore spiegelt sich die westdeutsche Geschichte vom Deutschen Herbst bis zum Mauerfall, Leonores Jugendfreundin Clara hingegen verkörpert das Wertesystem der DDR und arbeitet als Erwachsene im Westen für die Stasi – die sich als Krake mit erschreckend langen Armen erweist. Stephan lässt in präziser, bisweilen bissiger Sprache eine gesellschaftliche Atmosphäre lebendig werden, an die sich viele Leser noch gut erinnern werden. Der Roman ist auch ohne den Vorgängerband “Ab heute heiße ich Margo“ lesbar, die ergänzende Lektüre vertieft jedoch das Verständnis, denn die Geschichte führt weit ins 20. Jahrhundert zurück. Kleines Schmankerl: Wesentliche Teile der Handlung spielen in Osnabrück und Umgebung.

 

 

 

Kiepenheuer & Witsch, 22 EUR

(Stadtblatt 10/2020)

 


Ach, Virginia

 

Michael Kumpfmüller

 

Zerbrechliches Genie

 

 

 

Stoßseufzer entlockt einem die Lektüre dieses Romans über die geniale, aber schwer depressive Schriftstellerin Virginia Woolf. Die Erzählerin vergleicht ihr Leben mit einem Interkontinentalflug, und im März 1941 befindet sie sich bereits im Landeanflug, denn am 28. ertränkt sich Woolf im Fluss Ouse. „Zorn“ heißt der erste Teil des Romans, in dem sie wütend, gehässig und hochmütig über ihr Leben nachdenkt, über ihren Mann, die missbrauchenden Brüder, den Krieg, die Isolation auf dem Land … Der Abschiedsbrief ist geschrieben, doch der erste Suizidversuch scheitert. Und so beginnt im zweiten Teil die Zeit der Resignation. Zwischen Gefühllosigkeit und „Heulerei“ geht Woolf in ihren „Seelenräumen“ spazieren und nimmt Abschied. Beim zweiten Versuch sind die Steine in den Manteltaschen schwer genug. Kumpfmüller macht den fließenden Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit erfahrbar, die brutale Egozentrik der Depression und ihre Auswirkungen auf die Mitmenschen. Ein trauriger Roman, der neugierig macht auf das zerbrechliche Genie der Virginia Woolf.

 

 

 

Kiepenheuer & Witsch, 22 Euro

(Stadtblatt 9/2020)

 


Das Gewicht der Worte

 

Pascal Mercier

 

Polyglotte Wellness

 

 

 

Es klingt vielversprechend: Simon Leyland , Übersetzer, ist seit seiner Kindheit von Sprachen fasziniert. Mit seiner Frau Livia geht er von London nach Triest, weil sie dort einen Verlag geerbt hat. Als ihn eine falsche Krebsdiagnose zwei Monate lang in dem Glauben lässt, sein Leben nähere sich dem Ende, beschließt er, seine eigene Stimme zu finden und Schriftsteller zu werden. So weit, so gut. Aber dann kommen Sätze wie dieser: „Die Londoner nannten sie the tube“ und umreißen den dürren Weltbezug der Geschichte. „Sie spürten die Dinge einfach“, heißt es an anderer Stelle raunend. Trotz schlüssiger Handlung und hoher Reflektiertheit haftet diesem Roman etwas Nebulöses an: Ein feinsinniger Protagonist gibt sich ausschweifenden Gedanken über Sinn und Sterblichkeit hin, und vieles, was auf der Erzählebene vorkommt, wiederholt sich noch dazu in Leylands Briefen an seine Frau. Interessant allerdings der Blick des Übersetzers auf die Sprache, sein Sich-Herantasten an den passenden Ausdruck, der sinnliche Umgang mit Lauten und Bedeutungsnuancen.

 

 

 

Hanser 26 Euro

(Stadtblatt 9/2020)

 


M. Der Sohn des Jahrhunderts

 

Antonio Scurati

 

Prototyp des Populisten

 

 

 

Die Geschichte des italienischen Faschismus aus Tätersicht erzählt der Mailänder Medientheoretiker und Schriftsteller Antonio Scurati. Auf 830 Seiten schildert der erste von drei geplanten Bänden den Aufstieg Mussolinis von der Gründung der Kampfbünde 1919 bis zur Ermordung Matteottis und dem Beginn der Diktatur 1924. Der Roman erzählt detailreich von Größenfantasien, politischen Zweckbündnissen und davon, wie der Erfinder des Faschismus die gewaltbereite Verzweiflung ehemaliger WK-I-Soldaten für seine politischen Ziele auszunutzen verstand. Jedes Kapitel endet mit einem Dokument, das die historische Richtigkeit bezeugt, zudem gibt es ein Register der maßgeblichen Persönlichkeiten jener Epoche. Der fiktional ausgestaltete und von Verena von Koskull stilsicher übersetzte Roman über die „Ära des Schwanzes“ (Carlo Emilio Gadda) ist ein Zwischending aus Dokumentation und Roman, liest sich aber ausgesprochen flüssig. 2019 in Italien mit dem Premio Strega ausgezeichnet, ist er auch für deutsche Leser erstaunlich aktuell.

 

 

 

Klett-Cotta, 32 Euro

(Stadtblatt 8/2020)

 


Fehlstart

 

Marion Messina

 

Frau Houellebecq

 

 

 

Houellebecq hat eine Erbin, heißt es vielerorts im Feuilleton. Und tatsächlich schreibt auch Marion Messina illusionslos über die Ödnis des Lebens einer verlorenen Generation, in dem Sex das „einzig Echte“ ist und über einen öden Alltag ohne Sinn und Perspektive hinwegtäuschen soll. Ihre erste Liebe schenkt Aurélie ein berauschendes Gefühl von Lebendigkeit. Als die Beziehung zu Alejandro scheitert, verlässt die Studentin aus einfachen Verhältnissen Grenoble, den „Kessel der Eintönigkeit“, und sucht ihr Glück in Paris. Was sie findet, sind „ein Höllenrhythmus“, unbezahlbare Wohnungen und zum Scheitern verurteilte Beziehungen. Der schmale Roman zeigt beispielhaft, dass in der Literatur das Wie wichtiger ist als das Was und triste Sujets so spannend machen kann wie einen Krimi: „… die Luft schmeckte nach Asche und Aluminium. Sie war zwanzig Jahre alt.“ Selten wurde so unterhaltsam über die B-Seite des Lebens geschrieben (fein übersetzt von Claudia Steinitz). Großes Kino! Und so fängt es an: "Alejandro war mit dem trockenen Mund und dem Halbsteifen eines verkaterten Morgens aufgewacht."

 

 

 

Hanser Verlag, 18 Euro

(Stadtblatt 4/2020)

 


Andere Leute

 

Dorota Masłowska

 

High Energy

 

 

 

Ganze 160 Seiten hat dieser Roman, und das ist gut so. In einem stakkatohaften, vor Energie und Einfällen nur so strotzenden Rap, der bei längerem Lesen anstrengend würde, entlädt sich der Druck, den der längst kapitalistische Moloch Warschau auf seine Bewohner ausübt. Ein sprachgewaltiges Kaleidoskop menschlicher Kaputtheit entfaltet sich: Kamil, Kleindealer mit drogenbedingten „Löchern im Kopf“ und dem brennenden Wunsch, eine Rap-CD aufzunehmen, begegnet der reichen Iwona, die ihn diskret für seine Liebesdienste bezahlt. Sie speichert ihn im Handy unter „Klospülung“ ab, während Kamils vernachlässigte Freundin „ihm den Kopf mit einem Bewusstseinsstrom“ wäscht und ihre „spezifische Anettigkeit“ dabei vergisst. Ob Villa oder Plattenbau: Alle in diesem Roman sind getrieben, ohne je vom Fleck zu kommen. Szenisch und zynisch geht es zu, fäkal- und jugendsprachlich. Olaf Kühl, selbst Romanautor, hat Masłowskas kraftvoll-wütende Sprache virtuos ins Deutsche übertragen.

 

 

 

Rowohlt Berlin, 18 EUR

(Stadtblatt 2/2020)

 


Brief an Matilda

 

Andrea Camilleri

 

Erzähltes Leben

 

 

 

Camilleris letztes Buch ist eine Lebensbeschreibung für seine vierjährige Urenkelin Matilda, die unter seinem Schreibtisch spielen durfte, und zugleich eine Chronik der letzten neunzig Jahre. Unprätentiös und mit spürbarer Zuneigung erzählt er ihr von beruflichem und politischem Engagement und von familiären Versäumnissen. Der Sizilianer Camilleri (1925 - 2019) thematisierte in seinen Krimis um Commissario Montalbano häufig mafiöse Strukturen und Korruption. Vor seinem Durchbruch hatte er  mehrere Jahrzehnte lang als Drehbuchautor und Regisseur gearbeitet. Camilleri war ein widerständiger, von den -ismen des 20. Jahrhunderts enttäuschter Mensch. Er besaß einen scharfen Blick für Ungerechtigkeiten und den Mut, Stellung zu beziehen. Auf anfängliche Begeisterung folgte die Abkehr des Jugendlichen vom Faschismus, später die Distanzierung des Erwachsenen vom Kommunismus sowjetischer Prägung. Der „Brief an Matilda“ (Ü: Annette Kopetzki) ist ein Abschied und zugleich eine Brücke in die Zukunft: „Und jetzt erzähl mir von dir“, lautet der letzte Satz.

 

 

 

Kindler, 20 Euro

(Stadtblatt 2/2020)

 


Ein Ehebruch

 

Edoardo Albinati

 

Anachronistisch

 

 

 

„Ich habe mich dem Ehebruch gewidmet, um die ‚Katholische Schule‘ loszuwerden …“ Das sagt der Autor über diesen schmalen Roman, der auf sein preisgekröntes Monumentalwerk über verklemmte Sexualmoral, Gewalt gegen Frauen und deren vermeintlichen Ursprung im Katholizismus folgt. Um es gleich zu sagen: Es gelingt ihm nicht. Obwohl Erri und Clementina auf ihrem heimlichen Inselwochenende zu zweit ständig übereinander herfallen, bleiben die Beschreibungen der Erotik farblos und unglaubwürdig. Mit kühler, eleganter Sprache (fein übersetzt von Verena v. Koskull) soll heiße Leidenschaft beschworen werden, deutlich wird jedoch nur, dass die beiden Protagonisten einander fremd bleiben: Wie soll es nach dem Liebeswochenende im realen Leben weitergehen? Darüber denkt jeder für sich im Stillen nach, zu einem Gespräch kommt es nicht. Die Überlegungen streifen immer wieder den Kitsch: „Es war denn auch nicht die Furcht zu ertrinken, sondern eine tiefere Angst.“ Tiefer als die Angst vorm Tod ist die des Sünders vor der Hölle.

 

 

 

Berlin Verlag, 20 Euro

(Stadtblatt 1/2020)

 


Das Institut

 

Stephen King

 

The Master is Back

 

 

 

Der zwölfjährige Luke Ellis wird nachts aus seinem Zuhause in Minneapolis entführt, seine Eltern dabei getötet. Der Junge landet in einem geheimen Institut, in dem Bürokraten grausame Experimente an paranormal veranlagten Kindern durchführen. Noch nie konnte jemand dieser Hölle entfliehen. Ganz normale Bewohner einer Kleinstadt - typische „mittlere Helden“ à la King – werden in den Kampf zwischen Gut und Böse und die Befreiung der Kinder hineingezogen. Auch in diesem Roman erweist sich King wieder als Großmeister der Spannung. Er reiht Cliffhanger an Cliffhanger und schreckt beim Plot weder vor großen Würfen noch vor bizarren Ideen zurück. Dabei gelingt es ihm erneut, „das Unmögliche plausibel zu machen“, wie es im Nachwort heißt. Mehr noch: Es klingt verdammt wahrscheinlich. Und immer lässt sich der übersinnliche Horror des Trump-Kritikers auch als Chronik Amerikas lesen. 768 Seiten Suchtfutter in der gelungenen Übersetzung von Bernhard Kleinschmidt - ein Must-have für alle Fans.

 

 

 

Heyne, 26 Euro

(Stadtblatt 12/2019)